Pilates ist gerade überall. Auf Instagram trainieren scheinbar alle plötzlich in perfekt abgestimmten Sets auf dem Reformer, während irgendwo im Hintergrund ein Matcha steht und eine beige Wand für maximale Ästhetik sorgt. Was dabei schnell untergeht: Pilates ist deutlich mehr als ein fotogenes Lifestyle-Workout. Richtig ausgeführt kann es Kraft, Körperkontrolle, Beweglichkeit und Balance verbessern und gleichzeitig einen wohltuenden Gegenpol zu einem ohnehin schon stressigen Alltag schaffen.
Auch ich bin während meiner ersten Schwangerschaft auf den Zug aufgesprungen und habe diesen seitdem nicht mehr verlassen. Vor allem die kontrollieren Pilatesbewegungen, die Aktivierung des Beckenbodens sowie des „Powerhouse“ haben mich während Schwangerschaft, Rückbildung und auch aktuell kraftvoll, fit und ausgeglichen werden lassen.
Trotzdem ist Pilates weder ein Wundermittel noch automatisch das perfekte Training für jede Frau und jedes Ziel. Vor allem ersetzt es nicht grundsätzlich Krafttraining, Ausdauertraining oder eine individuell notwendige Physiotherapie.
Was ist Pilates eigentlich?
Pilates ist eine Trainingsmethode, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Joseph Pilates entwickelt wurde. Im Mittelpunkt stehen kontrollierte Bewegungen, eine bewusste Atmung und die aktive Stabilisation der Körpermitte.
Typisch für Pilates sind:
- langsame und kontrollierte Bewegungen
- bewusste Verbindung von Atmung & Bewegung
- Stabilisierung von Bauch, Rücken, Becken
- Fokus auf Technik und Körperwahrnehmung
- fließende Bewegungsabläufe statt maximaler Geschwindigkeit

Warum Pilates gerade so beliebt ist
Das American College of Sports Medicine führt Core-, Balance- und Flow-orientierte Trainingsformen unter den wichtigen Fitnessentwicklungen für 2026. Die Teilnahme an Yoga-, Pilates- und Mobility-Angeboten stieg demnach zwischen 2022 und 2024 um rund 27 Prozent. Pilates trifft den Zeitgeist perfekt und, derzeit fast das Wichtigste, ist absolut social-media tauglich: Reformer-Studios sind häufig der Inbegriff von instagramable. Pilates wirkt insgesamt sehr feminin, kontrolliert und elegant und lässt sich hervorragend als Teil eines ganzheitlichen Wellness-Lifestyles vermarkten.
Aber was sind denn die Vorteile von Pilates?
1. Pilates verbessert die Körperwahrnehmung
Einer der größten Vorteile liegt meiner Meinung nach darin, dass Pilates dazu zwingt, Bewegungen wirklich bewusst auszuführen. Aktiviere ich das Powerhouse? Ziehe ich gerade die Schultern hoch? Kann ich meine Rippen kontrollieren? Halte ich unbewusst die Luft an? Diese Fragen spielen im klassischen Fitnessstudio häufig eine deutlich kleinere Rolle. Dort geht es schnell darum, ein bestimmtes Gewicht von A nach B zu bewegen. Pilates lenkt den Fokus dagegen stärker auf die Kontrolle einer Ausführung.
Eine bessere Körperwahrnehmung kann sich auch positiv auf andere Sportarten auswirken und genau das habe ich wirklich DEUTLICH gemerkt. Wer seinen Rumpf gezielter stabilisieren kann, profitiert davon möglicherweise beim Krafttraining, Laufen, HYROX oder einfach beim Tragen eines Kindes, während man mit der anderen Hand versucht, gleichzeitig Einkaufstaschen und Kita-Rucksack zu balancieren.
2. Die Körpermitte wird gezielt trainiert
Pilates wird oft als Core-Training bezeichnet. Gemeint ist damit nicht nur der sichtbare gerade Bauchmuskel, sondern vor allem die gesamte funktionelle Körpermitte (u.a. die tief liegende Bauch- und Beckenbodenmuskulatur). Ein gut trainierter Rumpf hilft dabei, Kräfte zu übertragen und die Wirbelsäule bei Bewegungen zu stabilisieren. Das ist sowohl für sportliche Leistung als auch für viele alltägliche Belastungen relevant.

3. Beweglichkeit, Balance und Koordination werden gefordert
Pilates kombiniert Stabilität häufig mit kontrollierten Bewegungen über größere Bewegungsradien und viele Übungen verlangen, dass mehrere Körperbereiche gleichzeitig kontrolliert werden. Arme und Beine bewegen sich, während Becken und Rumpf stabil bleiben. Das fordert Koordination, Gleichgewicht und neuromuskuläre Kontrolle.
Gerade im höheren Alter kann dieser Aspekt wertvoll sein. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Pilates die statische und dynamische Balance älterer Menschen verbessern kann.
4. Es verbindet Bewegung und mentale Ruhe
Pilates ist kein klassisches Meditationstraining. Trotzdem erfordert es Konzentration, ruhige Atmung und eine gewisse Präsenz. Besonders in Stressphasen ist der Weg auf die Matte für mich jedes Mal fast wie ein Befreiungsschlag, denn man kann während einer komplexen Pilates-Übung relativ schlecht gleichzeitig die komplette To-do-Liste durchdenken und genau das kann mental entlastend wirken.
Kann Pilates Krafttraining ersetzen?
Pilates stößt bei der Entwicklung maximaler Kraft und Muskelmasse häufig früher an Grenzen als klassisches Krafttraining. Für eine nachhaltige Anpassung benötigt der Körper einen zunehmend höheren Trainingsreiz, bezeichnet als „Progressive Overload“. Im Gym lässt sich die Belastung relativ präzise durch mehr Gewicht, Wiederholungen, Sätze oder schwierigere Übungsvarianten steigern.
Für folgende Ziele bleibt klassisches Krafttraining besonders wichtig:
- deutlicher Muskelaufbau & maximale Kraftentwicklung
- Erhalt der Muskelmasse im Alter
- hohe Belastbarkeit für Sport und Alltag
Die 2026 aktualisierten Empfehlungen des American College of Sports Medicine zeigen gleichzeitig, dass effektives Krafttraining nicht zwingend schwere Langhanteln voraussetzt. Auch Körpergewicht, Widerstandsbänder und Training zu Hause können Kraft und körperliche Funktion verbessern. Entscheidend sind Regelmäßigkeit, ausreichende Anstrengung und Progression!
Die Frage sollte deshalb nicht lauten: Pilates oder Krafttraining? Gerade die Kombi aus Krafttraining + Pilates hat in meinen Augen enorme Vorteile und beide Sportarten ergänzen sich super!
Pilates in der Schwangerschaft
Hier habe ich Pilates lieben gelernt! Angepasstes Pilates kann während der Schwangerschaft dabei helfen, Körperwahrnehmung, Mobilität, Kraftausdauer und Atemkontrolle zu erhalten. Ich hatte den Eindruck, dass Pilates für mich die perfekte Geburtsvorbereitung war und glaube, dass ich unter anderem auch deswegen so eine unkomplizierte, schmerzarme und friedliche Geburt bei beiden Kindern erleben durfte.
Allerdings sollte Schwangerschafts-Pilates wirklich an die jeweilige Schwangerschaftsphase angepasst werden. Nicht jede klassische Bauchübung, Bauchlage, Rotation oder intensive Druckerhöhung ist zu jedem Zeitpunkt sinnvoll. Besondere Vorsicht ist unter anderem bei Blutungen, vorzeitiger Wehentätigkeit, bestimmten Plazentaveränderungen, Schwindel, Schmerzen oder ärztlich festgestellten Kontraindikationen notwendig!
Pilates nach der Geburt
Nach Schwangerschaft und Geburt geht es zunächst nicht darum, den Bauch möglichst schnell „wieder flach“ zu bekommen. Wichtiger sind Atmung, Druckmanagement, Beckenbodenfunktion, Rumpfkontrolle und eine schrittweise Rückkehr zu alltäglichen und sportlichen Belastungen. Pilates kann Teil der Rückbildung sein. Es ersetzt bei Beschwerden aber keine spezialisierte Beckenbodenphysiotherapie und gerade nach Kaiserschnitt, Geburtsverletzungen, Senkungsbeschwerden, Inkontinenz, Schmerzen oder einer ausgeprägten Rektusdiastase sollte die Belastung individuell angepasst werden.
Gezielte Pilates-Kurse mit spezialisierten Trainern oder Programmen können nach der Geburt helfen, das Gefühl für den eigenen Körper zurück zu bekommen. Außerdem ist die Zeit allein auf der Matte und ein kurzes Durchatmen vor allem in der Anfangszeit mit Baby absolut wertvoll.
Und ganz ehrlich: ich habe die Erfahrung gemacht, dass man langfristig vor allem eine gute Mama sein kann, wenn man sich selbst nicht vergisst. Sich eigene kurze Momente der Ruhe, oder für Sport nur für sich zu nehmen, ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge. Solche Momente schöpfen neue positive Energie, die dann gezielt für die Familie genutzt werden kann!
Matten-Pilates oder Reformer?

Beides hat seine Berechtigung. Ich persönlich bevorzuge überwiegend das Training auf der Matte und buche mir ab und zu mal eine Reformer-Class, um Abwechslung zu haben und neue Reize zu setzen. Matten-Pilates ist vor allem relativ günstig und überall, mit wenig Equipment, durchführbar und der eigene Körper muss ohne Geräteunterstützung stabilisiert werden. Beim Reformer-Pilates kann der Widerstand über Federn angepasst und manche Bewegungen geführt oder unterstützt werden. Die Stunden auf dem Reformer sind allerdings meist teurer, die Verfügbarkeit in ländlichen Regionen gering und auch vermeintlich spektakulär aussehende akrobatische Übungen auf dem Reformer sind nicht automatisch effektiver. Und auch am Reformer hängt die Qualität stark von der Anleitung ab!
Der Reformer ist also nicht grundsätzlich „besser“. Er ist ein Trainingsgerät mit interessanten Möglichkeiten, was man bei Lust und Laune mal ausprobieren kann!
Wie könnte eine sinnvolle Trainingswoche aussehen?
Eine ausgewogene Woche muss nicht maximal vollgepackt sein. Sie sollte zu Alltag, Regeneration und persönlichem Ziel passen.
- Für allgemeine Gesundheit
- 2x Krafttraining (Ganzkörper), 1-2x Pilates, 2x moderate Ausdauerbewegung
- Für Läuferinnern
- 2-4x Laufeinheiten, 1-2x Krafteinheiten, 1x Pilates- oder Mobility-Einheit, mind. ein leichterer Regenerationstag
- In einer stressigen Lebensphase
- 2x 20-40min Krafttraining, 1-2x kurzes Matten-Pilates, optional eine moderate Ausdauereinheit, hohe Alltagsbewegung
Mein Fazit
Pilates ist weder nur ein hübscher Social-Media-Trend noch die Antwort auf jedes körperliche Problem. Es kann die Körperwahrnehmung, Rumpfstabilität, Balance, Beweglichkeit und muskuläre Ausdauer verbessern. Gerade während der Schwangerschaft, nach der Geburt, in stressigen Lebensphasen oder als Ergänzung zu Kraft- und Ausdauertraining kann es sehr wertvoll sein. Seine Grenzen liegen vor allem dort, wo hohe Kraftreize, deutlicher Muskelaufbau, maximale Knochengesundheit oder ausgeprägte Herz-Kreislauf-Anpassungen das primäre Ziel sind.
Für mich ist Pilates deshalb kein Ersatz für Krafttraining – sondern eine perfekte Ergänzung. Krafttraining macht uns belastbar. Ausdauertraining stärkt Herz und Kreislauf. Pilates verbessert die Kontrolle darüber, wie wir unseren Körper bewegen.
Und am Ende ist vermutlich nicht entscheidend, ob eine Trainingsform gerade besonders angesagt ist. Entscheidend ist, ob sie uns langfristig dabei hilft, uns stark, beweglich und wohl im eigenen Körper zu fühlen.
Quellen
- American College of Sports Medicine. The Future of Fitness: ACSM Announces Top Trends for 2026.
- American College of Sports Medicine. ACSM Fitness Trends: Balance, Flow, and Core Strength.
- American College of Sports Medicine. Resistance Training Prescription for Muscle Function, Hypertrophy, and Physical Performance in Healthy Adults. 2026.
- Campos Júnior, J. F. et al. Effects of Pilates exercises on postural balance and reduced risk of falls in older adults: A systematic review and meta-analysis. Complementary Therapies in Clinical Practice, 2024.
- Patti, A. et al. Effectiveness of Pilates exercise on low back pain: a systematic review with meta-analysis. 2024.
- Sampaio, T. et al. The Effectiveness of Pilates Training Interventions on Older Adults’ Balance: A Systematic Review and Meta-analysis. 2023.
- Skoura, A. et al. Diastasis Recti Abdominis Rehabilitation in the Postpartum Period: A Scoping Review of Current Clinical Practice. 2024.
- Tsartsapakis, I. et al. Effects of Pilates-Based Exercise on Mental Health, Psychological Well-Being, and Quality of Life: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports, 2026.
- Wong, C. M. et al. The effects of Pilates exercise in comparison to other forms of exercise on pain and disability in individuals with chronic nonspecific low back pain. Musculoskeletal Care, 2023.
- World Health Organization. WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Geneva, 2020.
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